***** 1973 war der Vertrag bei Harvest ausgelaufen und nicht verlängert worden. Die Manager dieses Label waren wohl insgeheim froh darüber, daß Barclay James Harvest nicht mehr bei ihnen unter Vertrag standen, hatte die Gruppe in den vergangenen Jahre vier LP’S und einige Singles produziert, die zwar gut waren, sich aber nicht sonderlich gut verkauften. Die sehr aufwendig produzierten Platten hatten nicht einmal die Produktionskosten einspielen können, für Harvest ein Kostenfaktor, der sich einfach nicht lohnte. Wenn man sich einmal die weitere Entwicklung der Band anschaut, dann hätte es sich für Harvest gelohnt, an Barclay James Harvest festzuhalten. In Polydor fand die Gruppe eine neue Firma, die das langfristige Potential der Gruppe erkannte. Das ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß Polydor im Gegensatz zu Harvest nicht unbedingt ein Label für Rockmusik war. Harvest wird seine Entscheidung, Barclay James Harvest keinen neuen Vertrag zu geben, mit Sicherheit bereut haben, denn just zu diesem Zeitpunkt begann das Publikum sich für sich, wenn zunächst auch nur zögerlich, für die Gruppe zu interessieren. Als BJH ab 1976 den Durchbruch schaffte und vor allem in Deutschland zur Supergruppe aufstieg, versuchte Harvest ein wenig von dem plötzlichen Erfolg zu profitieren und brachte einige Sampler mit den frühen Singles und Material aus den ersten vier Alben auf den Markt. Für ihr fünftes, 1974 von Rodger Bain produzierte Album „Everyone Is Everybody Else“ wurde auf sämtlichen Pomp, sprich Orchestereinlagen verzichtet. Ein Grund dafür mag sein, daß ihnen für dieses Album nicht die finanziellen Mittel wie Harvest zur Verfügung standen. Trotzdem oder gerade deshalb ist der Gruppe ist ihr bis dahin bestes Album gelungen. Die üppigen Orchestereinlagen wurden durch breite Keyboard- und Mellotronpassagen von Woolly Woolstenholme ersetzt, was die Musik transparenter und für ein breites Publikum interessant macht. Auch ohne üppigen Orchestereinsatz wirkt ihre Musik äußerst attraktiv. Stilistisch gab bei BJH auf „Everyone Is Everybody Else“ keine wesentliche Änderung zu den vorangegangenen Werken. Die Musik ist typisch für die Gruppe, mit gelegentlichen Anleihen bei Moody Blues, Pink Floyd oder Genesis. Alle neun Stücke sind durchwegs exzellent, lediglich „The Great 1974 Mining Disaster“ fällt ein klein wenig ab. Nicht nur der Titel erinnert sehr an den Bee Gees Hit „New York Mining Disaster 1941“. Auf Titel wie „Negative Earth“, „Paper Wings“, „Crazy City“, „See Me, See You“, „Poor Boy Blues“, „Mill Boys“ und „For No One“ braucht man nicht weiter groß eingehen, deren Qualität spricht für sich. Mit dem Opener „Child Of The Universe“ enthält es sogar einen ihrer bekanntesten Lieder überhaupt, einer ihrer ganz großen Klassiker. In der Liveversion aus dem Album „Berlin – A Concert For The People“ war es Ende 1981 ein solider Singlehit in der Bundesrepublik Deutschland. „Everyone Is Everybody Else“ war meines Wissens das erste Album von BJH, das sich recht ordentlich verkaufte und die Gruppe über ein kleines Insiderpublikum bekanntmachte. Die verantwortlichen Manager von Polydor werden nach diesem gelungenen Einstand ihre Entscheidung, Barclay James Harvest unter Vertrag zu nehmen, mit Sicherheit nicht bereut haben. Wahrscheinlich haben sie geahnt, daß sich mit dieser Gruppe mittel- und langfristig noch viel Geld verdienen ließ. Last edited: 01/11/2007 14:39 |