****** Mit ihrem sechsten, 1977 erschienenen Album „Trans Europa Express“ setzten Kraftwerk den auf „Radioaktivität“ beschrittenen Weg konsequent fort. Waren auf ihren ersten vier Alben „Kraftwerk“ (1970), „Kraftwerk 2“ (1971), „Ralf und Florian“ (1973) und „Autobahn“ neben elektronischen Spielereien herkömmliche Instrumente wie Gitarre, Baß, Schlagzeug und Flöte zu hören, setzten sich ab „Radioaktivität“ voll auf Synthesizer und Rhytmusmaschinen. Während musikalisch ähnlich gelagerte Gruppen wie etwa Tangerine Dream damit Klanggemälde in einer Endlosschiene einspielten, schufen Kraftwerk einen für das Publikum attraktiven Sound. Obwohl sie mit „Trans Europa Express“ nicht den Erfolg von „Autobahn“ wiederholen konnten, verkaufte sich das Album dennoch weltweit gut und festigte Kraftwerks Ruf als eine der progressivsten und innovativsten Gruppen ihrer Zeit. Werk Kraftwerk nicht kennt, der wird beim Anblick des Coverfotos glauben, hier handelt es sich um die Platte eines Gesangquartetts der 20er- oder 30er Jahre a la Comedian Harmonies: Ralf Hütter, Florian Schneider, Karl Bartos und Wolfgang Flür präsentieren optisch bieder mit Kurzhaarfrisuren, Anzügen und Krawatten. Wenn man bedenkt, daß 1977 Punk, lange Haare und schrilles Outfit angesagt war, dann wirkt die Aufmachung der Krafwerk-Musiker schon sehr gewagt. Wenn mich sich aber einmal das Outfit der englischen Musiker der New-Romantic-Szene der frühen 80er Jahre anschaut, dann haben Kraftwerk diese optische Modeerscheinung schon vorweggenommen (wobei man allerdings erwähnen muß, daß vor Kraftwerk schon Rockmusiker wie Bryan Ferry und David Bowie mit Anzügen und Krawatte aufgetreten sind). Musikalisch bietet „Trans Europa Express“ einen musikalischen Kontrast zum Vorgänger „Radioaktivität“. Dominierten auf dem Vorgänger überwiegend kurze Stücke mit allerlei technischen Spielereien das musikalische Bild, so beherrschen auf „Trans Europa Express“ teilweise lange Stücke mit harmonischen Melodiebögen das Bild. Gleich das erste Stück „Europa Endlos“ macht das deutlich. Angelehnt an frühe Stücke wie etwa „Klingklang“ (1971) oder „Tanzmusik“ (1973) variieren die Musiker in knapp neuneinhalb Minuten eine wohlklingende Melodie. Auch wenn „Europa Endlos“ (wie auch der Rest) musikalisch nicht unbedingt abwechslungsreich klingt, so macht sich doch zu keinem Zeitpunkt Monotonie breit. Interessant sind die für Kraftwerk Verhältnisse mit üppigen Texten ausgestatteten „Spiegelsaal“ und „Schaufensterpuppen“ (in der englischen Version als „Showroom Dummies“ 1982 die B-Seite von „The Model“). Beide Stücke klingen im ersten Moment vielleicht etwas sperrig, doch je öfter man sie hört, um so mehr eröffnen sie einem ihren Ohrwurmcharakter. Seite 2 beginnt mit dem über dreizehn Minuten langen Titelstück, aufgeteilt in „Trans Europa Express“, „Metall auf Metall“ und „Anzug“. Diese psychedelische Zugfahrt von Paris nach Düsseldorf (wo sie David Bowie und Iggy Pop treffen) ist die konsequente Weiterentwicklung von „Autobahn“. Während es bei dem knapp 23 Minuten langen Klassiker einige Längen gibt, wirkt „Trans Europa Express“ wie aus einem Guß. Wenn man sich einmal den Mittelteil „Metall auf Metall“ anhört, dann weiß man, woher Depeche Mode ihre Ideen geklaut haben (z.B. auf „People Are People“ oder „Master And Servant“). Gerade hier zeigt sich, wie innovativ allein „Trans Europa Express“ war. In gekürzter Fassung auf Single war dem Stück leider wenig Hitglück beschieden, lediglich in den USA wurde es ein kleiner Hit. Relativ entspannt lassen Kraftwerk das Album mit „Franz Schubert“ und dem 45 Sekunden langen/kurzen „Endlos Endlos“ ausklingen. Man kann jetzt endlos lange Diskussionen und Debatten darüber führen, ob Kraftwerks „Trans Europa Express“ (wie auch das ein Jahr später erschienene „Die Mensch Maschine) das innovative Album ist, als das ich es (wie im übrigen auch viele Musikkritiker) hinstelle oder ob ihre Musik nur die Quersumme diverser Vorbilder darstellt. Fakt ist jedenfalls, das es in den 70er Jahren musikalisch kaum etwas Vergleichbares gibt. Wenn man sich einmal die Entwicklung der Popmusik der Jahre 1979-1982 anschaut/anhört, dann erscheint die musikalische Arbeit von Kraftwerk in einem anderen Licht. Kraftwerk produzierten von „Trans Europa Express“ auch eine englischsprachige Fassung unter dem Titel „Trans Europe Express“. Wer nur Wert auf die Musik legt, dem kann es egal sein, ob er die Stücke mit deutschen oder englischen Texten hört. Wer aber die sparsamen Texte von Kraftwerk mag, der sollte unbedingt zur deutschen Fassung greifen, weil hier die Texte wesentlich besser wirken als im englischen. Unter dem Strich ist Kraftwerk mit „Trans Europa Express“ ein ganz großer Wurf gelungen, meines Erachtens neben „Die Mensch Maschine“ ihr bestes Werk. Nicht umsonst wurde dieses Werk von der Redaktion des Musik Express zu den 30 wichtigsten Alben der 70er Jahre zugeordnet. Wer einen echten Klassiker der 70er Jahre in seiner Sammlung haben möchte, der kommt an „Trans Europa Express“ nicht vorbei. Wer nie ein Zugang zu Musik von Kraftwerk gefunden hat, dem wird es mit diesem Album allerdings auch nicht gelingen.
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